Obstbau unter Strom – Exkursion Haidegg

Steirischer Obstbau im Klimawandel: Mit neuen Strategien zu mehr Resilienz

Der Klimawandel stellt den steirischen Obstbau vor immer größere Herausforderungen. Trockenperioden, Spätfröste, Starkregen, Hagel und zunehmende Hitze setzen den Kulturen zu und können innerhalb weniger Stunden die Ernte eines ganzen Jahres gefährden. Gleichzeitig verändern sich die Bedingungen für Krankheiten und Schädlinge: Neue Schaderreger können auftreten, während bewährte Pflanzenschutzstrategien zunehmend an ihre Grenzen stoßen.

Wie der Obstbau unter diesen veränderten Bedingungen zukunftsfähig bleiben kann, steht im Mittelpunkt einer Exkursion zur Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg. Gemeinsam mit den Expertinnen und Experten vor Ort sollen mögliche Entwicklungen und Anpassungsstrategien für den steirischen Obstbau diskutiert werden. Im Fokus stehen dabei nicht nur Äpfel als wichtigste steirische Obstkultur, sondern ebenso Steinobst und Beerenobst.

„Resilienz“ wird dabei zum Schlüsselbegriff. Denn Dauerkulturen können nicht von einem Jahr auf das andere an neue klimatische Bedingungen angepasst werden. Umso wichtiger sind Sorten und Anbausysteme, die mit den neuen Herausforderungen besser zurechtkommen. Die Versuchsstation Haidegg arbeitet deshalb unter anderem an Sortenprüfungen, neuen Pflanzenschutzstrategien und Lösungen zur Abwehr von Spätfrost und anderen Wetterextremen. Mehr zur Versuchsstation Haidegg

Alte Sorten als Schatz für die Zukunft

Eine wichtige Rolle kommt dabei auch der genetischen Vielfalt zu. Thomas Rühmer von der Versuchsstation Haidegg beschäftigt sich intensiv mit der Erhaltung alter Obstsorten. In den Sortensammlungen der Versuchsstation befinden sich hunderte Apfel- und Birnensorten. Dahinter steht nicht nur der Gedanke, historische Sorten zu bewahren: Ihr genetisches Potenzial kann auch für die Züchtung zukünftiger, widerstandsfähiger Obstsorten wertvoll sein.

Beim österreichweiten Obstmonitoring wurde deutlich, welches Potenzial in dieser Vielfalt steckt. Viele alte Sorten sind heute gefährdet. Für Rühmer sind gerade Eigenschaften wie ein späterer oder früherer Blühzeitpunkt sowie eine hohe Robustheit gegenüber Krankheiten und Schädlingen wichtige Kriterien für die Zukunft. „Das fängt beim Blühzeitpunkt an und geht hin bis zu gewissen Robustheiten gegenüber Krankheiten und Schädlingen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen“, betonte er im Zusammenhang mit dem Obstmonitoring. Mehr dazu bei ORF Steiermark

Die Sortenvielfalt könnte damit zu einem wichtigen Baustein der Klimaanpassung werden: Was heute als alte oder wenig bekannte Sorte gilt, könnte morgen Eigenschaften besitzen, die im veränderten Klima besonders gefragt sind.

Schutz vor Wetterextremen

Auch bei den Anbausystemen sind neue Wege gefragt. Ein Beispiel dafür ist die Agri-Photovoltaik, die in Haidegg seit 2022 über Obstkulturen erprobt wird. Auf rund 5.000 Quadratmetern werden Obstbäume unter teilweise lichtdurchlässigen PV-Modulen kultiviert. Die Anlage soll gleichzeitig Strom erzeugen und die darunterliegenden Kulturen vor Wetterextremen schützen. Mehr zur Agri-Photovoltaik in Haidegg

Versuchsstationsleiter Leonhard Steinbauer sieht darin einen möglichen Doppelnutzen. Die Überdachung kann Obstkulturen unter anderem vor Starkregen, Hagel, übermäßiger Sonneneinstrahlung, Wind und leichtem Blütenfrost schützen. Gleichzeitig zeigen die Versuche, dass unter den Modulen die Blattnässe reduziert wird und damit auch die Bedingungen für bestimmte Pilzkrankheiten ungünstiger werden. Mehr bei ORF Steiermark

Für Steinbauer geht es allerdings nicht um eine einzelne Patentlösung. Die Resilienz des Obstbaus müsse über verschiedene Stellschrauben aufgebaut werden. Dazu zählen neben technischen Lösungen auch Züchtung, Sortenwahl, Pflanzenschutz und eine entsprechende Bewirtschaftung. In den „Haidegger Perspektiven“ spricht er sich deshalb unter anderem für Technologieoffenheit in der Pflanzenzüchtung aus und betont, dass für die Resilienz von Dauerkulturen alle verfügbaren Möglichkeiten gebraucht werden.  Mehr in den „Haidegger Perspektiven“

Anpassung wird zur Daueraufgabe

Wie dringend solche Strategien sind, zeigen auch die Erfahrungen der vergangenen Jahre. Spätfröste haben insbesondere bei Steinobst und Birnen wiederholt zu massiven Ausfällen geführt. 2025 lagen die Ausfälle bei diesen Kulturen laut Landwirtschaftskammer Steiermark teilweise bei rund 50 Prozent. Beim Apfel konnten die Auswirkungen aufgrund einer starken Blüte und günstiger Befruchtungsbedingungen weitgehend abgefedert werden. Mehr zum Obstbau 2025

Neben technischen Schutzmaßnahmen wie Frostberegnung oder Überdachungen wird daher auch die Frage entscheidend sein, welche Kulturen und Sorten künftig an welchen Standorten wirtschaftlich angebaut werden können. Dabei dürften Wasserverfügbarkeit, Blühzeitpunkt, Krankheits- und Schädlingsresistenz ebenso an Bedeutung gewinnen wie die Fähigkeit einer Pflanze, mit Hitze und anderen Stresssituationen umzugehen.

Der Blick auf den Obstbau der Zukunft zeigt damit eines deutlich: Klimaanpassung ist kein einzelner Schritt, sondern ein Zusammenspiel vieler Maßnahmen. Die Exkursion nach Haidegg bot die Möglichkeit, diese Ansätze direkt an den Versuchsanlagen kennenzulernen und gemeinsam mit den Experten zu diskutieren, welche Wege für den steirischen Obstbau langfristig tragfähig sind.

Denn eines steht fest: Der Obstbau der Zukunft wird anders aussehen müssen als jener der Vergangenheit. Entscheidend wird sein, wie schnell es gelingt, aus Forschung, Sortenvielfalt und neuen Technologien praxistaugliche Lösungen für die heimischen Betriebe zu entwickeln.